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ALFRED WOLFENSTEIN, Letzte Begegnung mit Franz Kafka

...

Prag, das dunkel-sch?ne M?rchen einer Stadt in der Mitte Europas, ist noch immer ein sehr tief passender Geburtsort f?r Dichter. Zwei gewisserma?en absolute Poeten sind hier geboren, Rainer Maria Rilke, der sehr Katholische, und Franz Kafka, der ganz J?dische. Vom gotischen Veitsdom in den Mauern der in den Himmel get?rmten Burg des Hradschin, von der barocken Sch?nheit der Kleinseite kam ich zur Altstadt herab. Kafka wohnte dort in einem jener Prager Bauten, in denen man mit jeder Treppenstufe nicht hinauf, sondern immer tiefer wie in eine Unterwelt hinunterzusteigen glaubt. Das Zimmer, in das ich trat, war k?hl und mit vielen Schatten erf?llt. Aus der Ecke, in der er in fast v?lliger Finsternis geschrieben oder gelesen hatte, erhob sich die lange schmale Gestalt des Dichters, und aus seiner Begr??ung merkte ich, da? er meinen Namen nicht verstanden hatte. So sprach er w?hrend der ersten halben Stunde mit einem unbekannten Besucher; gewi? ergaben sich allt?glich solche symbolhaften Situationen f?r diesen Darsteller jeder Fremdheit und Verlorenheit unter den Menschen. Er sprach mit einem knabenhaften Charme und zeitloser Weisheit; die etwas heisere Stimme hatte den gleichen einfachen und immer bedeutsamen Tonfall seiner Schriften. Ich lie? den Zauber gerade dieser Mischung auf mich wirken: die Hintergr?ndigkeit eines wahren Dichters und die Liebensw?rdigkeit eines wahren Menschen. Seine Figur erschien im Lichte des Fensters noch d?nner - ... Die Spitzen der Theinkirche standen vor uns im Fenster, die ornamentreichen H?usergiebel des Altst?dter Rings schweiften sich um seine Schultern, das bleiche sanftscharfe Gesicht des Dichters schwebte im letzten Licht, mit seltsam ausgespannten Ohren, so als hingen unter seinem Haar ein Paar Flederm?use. ... Aus Prags ruheloser Geschichte, vermischt mit der ruheloseren Geschichte des eignen j?dischen Volkes, aus Prags bleibend dunklem Stadtbild, dunkler durch das starrste Ghetto Europas, das in den Seelen noch steht, mag es auch in "Wirklichkeit" rings um die ?lteste Synagoge und das Grab des hohen Rabbi L?w scheinbar abgerissen sein, aus den schmerzhaften ?berschneidungen europ?ischer und j?discher Geheimnisse an diesem seltsamen Ort erkl?ren sich viele seiner Gestalten und Gedanken. Unser Gespr?ch sprang jetzt durch Literatur und Leben zu einem anderen Menschen und Dichter, dessen gleichfalls melancholisch-humanes Werk ich soeben neu ?bertragen hatte, Shelley. Dabei verdeutlichte sich offenbar auch der Klang meines Namens nachtr?glich in seinem Ohr, und als ich mich nun verabschiedete, gab es einen Augenblick desto herzlicherer N?he. Ich wartete noch, bis ein schrecklicher Hustenanfall vor?ber war, dann sah ich die Gestalt des Dichters in dem ganz dunkel gewordenen Zimmer sich verlieren. ... S. 163ff

aus: "Als Kafka mir entgegenkam..." Erinnerungen an Franz Kafka, hg. von Hans-Gerd Koch, Wagenbach, Berlin 1996
15.2.05 19:16
 



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