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«gast im kopfhaus»

"... Judengasse, Hoher Markt, Tuchlauben: Hier schmeckt die Wiener Luft nach Donaukanal und atmet nach Nordosten, hier franst die feine Innenstadt ins alte Textilviertel und zur Leopoldstadt hin aus. Quer durch die mondäne Geschäftigkeit der Grossstadt im Jetzt und im Hier zieht sich noch immer sichtbar eine denkwürdige Achse, die vom «Hitlerbalkon» der Neuen Burg am Heldenplatz den Kohlmarkt entlang und am Demel vorbei über die Tuchlauben führt, den Hohen Markt überquert, die Marc-Aurel-Strasse zum Morzinplatz hin abfällt: Von hier aus ist es nur ein Sprung vom ehemaligen Standort des zum Gestapo-Hauptquartier umgewidmeten Hotel Métropole über den Kanal zur Leopoldstadt, dem traditionellen - von den Wienern salopp «Mazzes-Insel» genannten - jüdischen Quartier.

Kurz bevor «die Tuchlauben» so richtig schick mit Designerboutiquen und Messing-Glas-Edelcafés prunkt, wartet ein Kaffeehaus, das die Schübe der Modernisierungen in aller Ruhe überdauert. Ein Damenregime von Mutter und Töchtern wacht mit der Grazie selbstbewusster Herbheit über Kunstlederkanapees, Resopaltische, Fifties-Spiegel und Imbissvitrine. «Hastdunichtgesehn» und wie ein Hauch fast steht sie schon hinter mir, die poetessa, la Gerstl, oder, wie Wiener wissen, «die Elfriede»: fragil und ein wenig fahrig, Trippelschritte im Trench, die Pullmankappe schwarz (comme il faut) - «einen kleinen Mokka, bitte, und ein Wasser». Seidenschal sowieso. «Wir haben die Zeitung extra für Sie aufgehoben, Frau Gerstl», nähert sich die Chefin mit Kaffee und Blatt, auf dessen Titelseite eine Photo der Verleihung des Georg-Trakl-Preises für Lyrik in Salzburg Anfang November zeigt: «Das ist zu komisch, sehen Sie», lacht die Dichterin und knistert das Blatt herüber. Und siehe: zarte Dame, krausgelockt, Lippenfarbe klassisch rot. Als schwarze Balkenrahmen links und rechts je eine wuchtig-eckige Politikerschulter: keine Köpfe, nur Verleihung. «Warum aber alle Preisgelder und Ehren auf einmal, warum konnte man mir das nicht in kleinen Bissen über die Jahre geben? Kleine Portiönchen hätten mir mehr geholfen.» ..."

christiane zintzen in: Neue Zürcher Zeitung FEUILLETON Dienstag, 23.11.1999 Nr. 273 65
8.7.06 23:50


Alpensprache Rohrmoos

damals im Gebirge August waren die
Abende kühl aber
unsere Seelen brannten zählten nachts
die Sterne am Himmel erkannten
den Groszen und Kleinen Wagen
Kassiopeia und Venus schliefen
einander in Armen haltend am Morgen
die bloszen
Füsze im Tau gebadet flügelschlagende
Wälder. Manchmal ins Städtchen
hinunter um Honig zu holen Stifte
Papier und Wein zirpende Andacht. Wir
setzen uns mit Tränen nieder denn
unser Leben war zu kurz.


Friederike Mayröcker

in: Die Presse, Spectrum, 01.07.2006, S. II
16.7.06 13:51





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