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Rose Ausländer, Prag

Immer träumte ich nach Prag
immer kam etwas dazwischen
Zeitnot Krankheit Krieg

Kafka stand
vor dem Hradschin
verirrter Himmelsbote

Ich schwöre
beim heiligen Franz
ich kann die Mauern
nicht durchbrechen
die Zauberkünste schlafen

Dort träumen Dichter
ihre Wunder
Gut mit ihnen
Kirschen essen

Trauert Prag
um meinen Traum?
Mein Traum
trauert um Prag



in: Rose Ausländer, Gedichte, S. Fischer. 2007, S. 66 f
5.8.08 00:40


Hiromi Kawakami, Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß. Eine Liebesgeschichte

Das Watt (ein Traum)

Draußen vor dem Fenster rauschte etwas. Ein Kampferbaum. Es hörte sich an wie Komm, komm! oder Wer, wer? Ich steckte den Kopf aus dem weit geöffneten Fenster und sah hinaus. Kleine Vögel huschten durch die Zweige, so schnell, dass ich sie nicht richtig erkennen konnte. Doch da sich bei jedem Aufflatter die Blätter bewegten, wusste ich, sie waren da.
Im Garten des Sensei war in einem der Kirschbäume in jener Nacht auch ein Vogel gewesen. Er hatte ein paarmal mit den Flügeln geschlagen, dann war Stille eingekehrt. Die Vögel im Kampferbaum aber kamen nicht zur Ruhe. Sie flatterten und flatterten. Und jedesmal raschelte es Komm, komm!
Ich hatte den Sensei schon seit geraumer Zeit nicht mehr gesehen. Nicht einmal bei Satoru war mir der vertraute Anblick seines Rückens am Tresen begegnet.
Während ich dem Komm, komm! des Kampferbaums lauschte, bekam ich Lust, am Abend zu Satoru zu gehen. Die Saubohnen-Saison war zwar vorüber, dafür gab es sicher schon die ersten jungen Sojaböhnchen. Unaufhörlich raschelten die kleinen Vögel im Kampferbaum.


in: Hiromi Kawakami, Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß. Eine Liebesgeschichte, Hanser 2008, S. 143
2.8.08 19:05


Alpensprache Rohrmoos

damals im Gebirge August waren die
Abende kühl aber
unsere Seelen brannten zählten nachts
die Sterne am Himmel erkannten
den Groszen und Kleinen Wagen
Kassiopeia und Venus schliefen
einander in Armen haltend am Morgen
die bloszen
Füsze im Tau gebadet flügelschlagende
Wälder. Manchmal ins Städtchen
hinunter um Honig zu holen Stifte
Papier und Wein zirpende Andacht. Wir
setzen uns mit Tränen nieder denn
unser Leben war zu kurz.


Friederike Mayröcker

in: Die Presse, Spectrum, 01.07.2006, S. II
16.7.06 13:51


«gast im kopfhaus»

"... Judengasse, Hoher Markt, Tuchlauben: Hier schmeckt die Wiener Luft nach Donaukanal und atmet nach Nordosten, hier franst die feine Innenstadt ins alte Textilviertel und zur Leopoldstadt hin aus. Quer durch die mondäne Geschäftigkeit der Grossstadt im Jetzt und im Hier zieht sich noch immer sichtbar eine denkwürdige Achse, die vom «Hitlerbalkon» der Neuen Burg am Heldenplatz den Kohlmarkt entlang und am Demel vorbei über die Tuchlauben führt, den Hohen Markt überquert, die Marc-Aurel-Strasse zum Morzinplatz hin abfällt: Von hier aus ist es nur ein Sprung vom ehemaligen Standort des zum Gestapo-Hauptquartier umgewidmeten Hotel Métropole über den Kanal zur Leopoldstadt, dem traditionellen - von den Wienern salopp «Mazzes-Insel» genannten - jüdischen Quartier.

Kurz bevor «die Tuchlauben» so richtig schick mit Designerboutiquen und Messing-Glas-Edelcafés prunkt, wartet ein Kaffeehaus, das die Schübe der Modernisierungen in aller Ruhe überdauert. Ein Damenregime von Mutter und Töchtern wacht mit der Grazie selbstbewusster Herbheit über Kunstlederkanapees, Resopaltische, Fifties-Spiegel und Imbissvitrine. «Hastdunichtgesehn» und wie ein Hauch fast steht sie schon hinter mir, die poetessa, la Gerstl, oder, wie Wiener wissen, «die Elfriede»: fragil und ein wenig fahrig, Trippelschritte im Trench, die Pullmankappe schwarz (comme il faut) - «einen kleinen Mokka, bitte, und ein Wasser». Seidenschal sowieso. «Wir haben die Zeitung extra für Sie aufgehoben, Frau Gerstl», nähert sich die Chefin mit Kaffee und Blatt, auf dessen Titelseite eine Photo der Verleihung des Georg-Trakl-Preises für Lyrik in Salzburg Anfang November zeigt: «Das ist zu komisch, sehen Sie», lacht die Dichterin und knistert das Blatt herüber. Und siehe: zarte Dame, krausgelockt, Lippenfarbe klassisch rot. Als schwarze Balkenrahmen links und rechts je eine wuchtig-eckige Politikerschulter: keine Köpfe, nur Verleihung. «Warum aber alle Preisgelder und Ehren auf einmal, warum konnte man mir das nicht in kleinen Bissen über die Jahre geben? Kleine Portiönchen hätten mir mehr geholfen.» ..."

christiane zintzen in: Neue Zürcher Zeitung FEUILLETON Dienstag, 23.11.1999 Nr. 273 65
8.7.06 23:50


May Ayim

nachtgesang

ich warte nicht mehr
auf die besseren zeiten
schwarzblauer himmel über uns
silbersterne dran
hand in hand mit dir
den fluß entlang
bäume links und rechts
sehnsucht auf den ästen
hoffnung im herz

ich räume mein zimmer auf
ich zünde eine kerze an
ich male ein gedicht

ich küsse mich
nicht mehr deinen körper entlang
durch deinen nabel hindurch
in deine träume hinein
meine liebe in deinem mund
dein feuer in meinem schoß
schweißperlen auf der haut

ich ziehe mich ganz warm an
ich zeichne die lippen rot
ich spreche mit den blumen

ich lausche nicht mehr
auf ein zeichen von dir
hole deine briefe hervor
schaue deine bilder an
diskussionen mit dir
bis nach mitternacht
visionen zwischen uns
kinder lachen uns zu

ich mache die fenster weit auf
ich schnüre die schuhe fest zu
ich nehme den hut

ich träume nicht mehr
in einsame stunden
dein gesicht in die zeit
dein schatten ist nur
eine kalte gestalt

ich packe die erinnerung ein
ich blase die kerze aus
ich öffne die tür

ich warte nicht mehr
auf die bessere zeiten
ich gehe auf die straße hinaus
blütenduft auf der haut
den schirm in der hand
den fluß entlang
schwarzblauer himmel über mir
silbersterne dran
bäume
links und rechts
sehnsucht auf den ästen
hoffnung im herz

ich liebe dich
ich warte nicht mehr


aus: may ayim , nachtgesang. berlin: orlanda frauenverlag 1997, s. 120f
11.6.06 22:56


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