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literatures
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Rose Ausländer, Prag
Immer träumte ich nach Prag immer kam etwas dazwischen Zeitnot Krankheit Krieg
Kafka stand vor dem Hradschin verirrter Himmelsbote
Ich schwöre beim heiligen Franz ich kann die Mauern nicht durchbrechen die Zauberkünste schlafen
Dort träumen Dichter ihre Wunder Gut mit ihnen Kirschen essen
Trauert Prag um meinen Traum? Mein Traum trauert um Prag
in: Rose Ausländer, Gedichte, S. Fischer. 2007, S. 66 f
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Hiromi Kawakami, Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß. Eine Liebesgeschichte
Das Watt (ein Traum)
Draußen vor dem Fenster rauschte etwas. Ein Kampferbaum. Es hörte sich an wie Komm, komm! oder Wer, wer? Ich steckte den Kopf aus dem weit geöffneten Fenster und sah hinaus. Kleine Vögel huschten durch die Zweige, so schnell, dass ich sie nicht richtig erkennen konnte. Doch da sich bei jedem Aufflatter die Blätter bewegten, wusste ich, sie waren da. Im Garten des Sensei war in einem der Kirschbäume in jener Nacht auch ein Vogel gewesen. Er hatte ein paarmal mit den Flügeln geschlagen, dann war Stille eingekehrt. Die Vögel im Kampferbaum aber kamen nicht zur Ruhe. Sie flatterten und flatterten. Und jedesmal raschelte es Komm, komm! Ich hatte den Sensei schon seit geraumer Zeit nicht mehr gesehen. Nicht einmal bei Satoru war mir der vertraute Anblick seines Rückens am Tresen begegnet. Während ich dem Komm, komm! des Kampferbaums lauschte, bekam ich Lust, am Abend zu Satoru zu gehen. Die Saubohnen-Saison war zwar vorüber, dafür gab es sicher schon die ersten jungen Sojaböhnchen. Unaufhörlich raschelten die kleinen Vögel im Kampferbaum.
in: Hiromi Kawakami, Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß. Eine Liebesgeschichte, Hanser 2008, S. 143
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Alpensprache Rohrmoos
damals im Gebirge August waren die Abende kühl aber unsere Seelen brannten zählten nachts die Sterne am Himmel erkannten den Groszen und Kleinen Wagen Kassiopeia und Venus schliefen einander in Armen haltend am Morgen die bloszen Füsze im Tau gebadet flügelschlagende Wälder. Manchmal ins Städtchen hinunter um Honig zu holen Stifte Papier und Wein zirpende Andacht. Wir setzen uns mit Tränen nieder denn unser Leben war zu kurz.
Friederike Mayröcker
in: Die Presse, Spectrum, 01.07.2006, S. II
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«gast im kopfhaus»
"... Judengasse, Hoher Markt, Tuchlauben: Hier schmeckt die Wiener Luft nach Donaukanal und atmet nach Nordosten, hier franst die feine Innenstadt ins alte Textilviertel und zur Leopoldstadt hin aus. Quer durch die mondäne Geschäftigkeit der Grossstadt im Jetzt und im Hier zieht sich noch immer sichtbar eine denkwürdige Achse, die vom «Hitlerbalkon» der Neuen Burg am Heldenplatz den Kohlmarkt entlang und am Demel vorbei über die Tuchlauben führt, den Hohen Markt überquert, die Marc-Aurel-Strasse zum Morzinplatz hin abfällt: Von hier aus ist es nur ein Sprung vom ehemaligen Standort des zum Gestapo-Hauptquartier umgewidmeten Hotel Métropole über den Kanal zur Leopoldstadt, dem traditionellen - von den Wienern salopp «Mazzes-Insel» genannten - jüdischen Quartier.
Kurz bevor «die Tuchlauben» so richtig schick mit Designerboutiquen und Messing-Glas-Edelcafés prunkt, wartet ein Kaffeehaus, das die Schübe der Modernisierungen in aller Ruhe überdauert. Ein Damenregime von Mutter und Töchtern wacht mit der Grazie selbstbewusster Herbheit über Kunstlederkanapees, Resopaltische, Fifties-Spiegel und Imbissvitrine. «Hastdunichtgesehn» und wie ein Hauch fast steht sie schon hinter mir, die poetessa, la Gerstl, oder, wie Wiener wissen, «die Elfriede»: fragil und ein wenig fahrig, Trippelschritte im Trench, die Pullmankappe schwarz (comme il faut) - «einen kleinen Mokka, bitte, und ein Wasser». Seidenschal sowieso. «Wir haben die Zeitung extra für Sie aufgehoben, Frau Gerstl», nähert sich die Chefin mit Kaffee und Blatt, auf dessen Titelseite eine Photo der Verleihung des Georg-Trakl-Preises für Lyrik in Salzburg Anfang November zeigt: «Das ist zu komisch, sehen Sie», lacht die Dichterin und knistert das Blatt herüber. Und siehe: zarte Dame, krausgelockt, Lippenfarbe klassisch rot. Als schwarze Balkenrahmen links und rechts je eine wuchtig-eckige Politikerschulter: keine Köpfe, nur Verleihung. «Warum aber alle Preisgelder und Ehren auf einmal, warum konnte man mir das nicht in kleinen Bissen über die Jahre geben? Kleine Portiönchen hätten mir mehr geholfen.» ..."
christiane zintzen in: Neue Zürcher Zeitung FEUILLETON Dienstag, 23.11.1999 Nr. 273 65
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May Ayim
nachtgesang
ich warte nicht mehr auf die besseren zeiten schwarzblauer himmel über uns silbersterne dran hand in hand mit dir den fluß entlang bäume links und rechts sehnsucht auf den ästen hoffnung im herz
ich räume mein zimmer auf ich zünde eine kerze an ich male ein gedicht
ich küsse mich nicht mehr deinen körper entlang durch deinen nabel hindurch in deine träume hinein meine liebe in deinem mund dein feuer in meinem schoß schweißperlen auf der haut
ich ziehe mich ganz warm an ich zeichne die lippen rot ich spreche mit den blumen
ich lausche nicht mehr auf ein zeichen von dir hole deine briefe hervor schaue deine bilder an diskussionen mit dir bis nach mitternacht visionen zwischen uns kinder lachen uns zu
ich mache die fenster weit auf ich schnüre die schuhe fest zu ich nehme den hut
ich träume nicht mehr in einsame stunden dein gesicht in die zeit dein schatten ist nur eine kalte gestalt
ich packe die erinnerung ein ich blase die kerze aus ich öffne die tür
ich warte nicht mehr auf die bessere zeiten ich gehe auf die straße hinaus blütenduft auf der haut den schirm in der hand den fluß entlang schwarzblauer himmel über mir silbersterne dran bäume links und rechts sehnsucht auf den ästen hoffnung im herz
ich liebe dich ich warte nicht mehr
aus: may ayim , nachtgesang. berlin: orlanda frauenverlag 1997, s. 120f
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